10 Dollar für einen Kaffee, 600 Prozent Inflation – und Hoffnung auf neue Erdölmilliarden: Willkommen im Alltag in Venezuela
Vom einstigen Glanz des Erdölreichtums ist in Caracas viel verblasst. Doch es bewegt sich etwas: Investoren und Rückkehrer entdecken Venezuela neu. Und nun hat auch Donald Trump grosse Pläne.
Venezuela, einst ein Oase des Erdölreichtums, hat in Caracas viel von seinem Glanz verloren. Doch nun findet das Land eine Wiederbelebung. Investoren und ehemalige Auswanderer entdecken die Nation erneut. Juan José Marí, Inhaber der vierzig Mitarbeiter starken Familienunternehmen JJ Mari International Movers, ist ein Zeuge dieser Wende.
Marí hat in Venezuela über 26 Jahre lang ein etabliertes Geschäft entwickelt und kann den Menschen in Venezuela ihre Zukunft auffassen. Die Ankündigung Donald Trumps, Venezuela mit Erdöl zu kaufen, hat neue Hoffnungen geweckt. Doch Marí weiss, dass er zu viel erlebt hat, damit er sich auf schnelle Veränderungen freuen kann. Als er 2000 sein Unternehmen gründete, war Hugo Chávez an der Macht.
Chávez sowie sein Nachfolger Nicolás Maduro verwandelten Venezuela von einer stabilen Demokratie in ein repressives Regime. Die Ölressourcen des reichen Landes wurden unter ihnen zu einer ärmsten Volkswirtschaft der Region. Ein Viertel der Bevölkerung entging dem Land. Marís Spedition firmierte im Anfang der 2000er Jahre vor allem die Umzüge jüdischer Familien in die USA.
Nach Chávezs Entscheidung, 2002 18.000 Mitarbeiter aus dem staatlichen Ölkonzern PDVSA auszuliefern und sie durch eigenen und Militärangehörige zu ersetzen, profitierte Marí von diesem Exodus. "Bei den hohen Ölpreisen bis 2014 waren venezolanische Ölfacharbeiter begehrt im Nahen Osten, in den USA und Kanada", sagt Marí. Durch die hohen Ölpreise verlagerten sich viele Familien wieder in das Land.
Trotzdem hat es in Venezuela allen Feinden Sicherheitsprobleme gegeben. Es kam zahlreiche Entführungen und eine hohe Mordrate in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, zu. Seit über zehn Jahren ist das Amerikanische Regime Venezuela wegen Menschenrechtsverletzungen mit Sanktionen belegt. Das Land befand sich weitgehend isoliert vom Westen.
Der Tiefpunkt für Marís Unternehmen war 2019, als die USA die Botschaft in Caracas schloss. Doch heute ist Marí zuversichtlich über die zukünftige Lage. Sein Büro hängt zwei Charts mit Auftragseingängen: Inbounds und Outbounds. "Erstmals ist die Zahl der Familien, die nach Venezuela kommen, deutlich grösser als die der Auswanderer", sagt Marí.
Seit etwa einerinhalb Jahren hat sich der Trend gedreht, und die Zahl der Rückkehrer steigt kontinuierlich. Mitte 2024 hatte die Opposition die Wahlen gewonnen, aber die Regierung den Wahlsieg nicht anerkannt. Viele Venezolaner im Ausland hoffen auf ein baldiges Ende des Regimes. Am 3. Januar 2024 wurden der Präsident Nicolás Maduro und seine Ehefrau von amerikanischen Militärs festgenommen und vor ein Gericht in New York gestellt.
Seitdem hat die USA in Venezuela das Sagen. Unter Maduros Nachfolgerin Delcy Rodríguez hofft die Wirtschaft nun auf eine Öffnung des Landes und eine schnelle Erholung. In den Geschäftsvierteln Caracas, der Metropole Venezuelas, locken die neuen SUV vor den teuren Restaurants – ebenso wie zu Zeiten vor Chávez, als ausländische Investitionen im Ölsektor strömten.
Unternehmern wird jedoch immer wieder unterbrochen, während sie mit ihren Handys sprechen. Die Hotels sind voll mit Delegationen, obwohl die Anreise schwierig ist, da das Erdbeben Ende Juni den internationalen Flughafen vor Caracas beschädigt hat. Das Erdbeben verursachte Schäden am Flughafen, und Flüge werden über Provinzflughäfen umgeleitet.
Felipe Capozzolo, Präsident von Fedecámaras, dem Dachverband der Privatwirtschaft, erkennt an, dass das Erdbeben keine großen negativen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Erholung hat, da die Öl- und verarbeitende Industrie davon betroffen sein sollten. Trotzdem erschwert das Erdbeben die wirtschaftliche Erholung des Landes. Die Wirtschaft wächst im Jahr noch unklar, aber Schätzungen reichen von minus 1 bis plus 8 Prozent.
Der Internationale Währungsfonds schätzt ein Wachstum von 4 Prozent. Fedecámaras hat in den letzten Jahren die Regierung konsequent kritisiert, doch Capozzolo lobt den wirtschaftspolitischen Kurswechsel der Regierung, insbesondere die Gesetzesreformen, die die Regierung seit Maduros Festnahme durch den Kongress gebracht hat. Besonders im Ölsektor, mit den größten Reserven der Welt, könnten nun private Investoren einsteigen.
Die Bürokratie soll agiler werden. "Fünf umfassende Gesetze in einem Zeitraum von vier Monaten, nachdem man zuvor 27 Jahre lang ein ganzes staatskapitalistisches System aufgebaut hat – das ist sehr schnell", sagt Capozzolo. Die wirtschaftliche Erholung wird vor allem vom Ölsektor abhängig sein.
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